Das Monster

Um was geht es?

Mauthausen, Warschau, Ebensee, Drancy, Flossenbürg, Natzweiler-Struthof, Kaufering, Pruszków, Neuengamme, Stutthof, Loibl, Kaunas, Mechelen

Es geht um Menschen. Menschen, die herausgerissen wurden. Die kein Leben mehr haben durften. Die eingesperrt, zusammengepfercht und wegtransportiert wurden. Die man entrechtete. Menschen, denen man das Menschsein stahl. Die man verbrannte, vernichtete und die man dem Vergessen preisgeben wollte.

Hinzert, Dessauer Ufer, Kulmhof, Westerbork, Buchenwald, Moringen, Ladelund, Vaivara, Nováky, Fünfbrunnen, Cochem, Arbeitsdorf-Fallersleben, Risiera di San Sabba

Es geht um Täter und Mittäter. Um Helfer und Anstifter. Menschen, die wegschauten und duldeten. Um Mitläufer, die es nicht besser wussten und nicht besser wissen wollten. Menschen, die Schuld auf sich luden.

Theresienstadt, Bergen-Belsen, Engerhafe, Ravensbrück, Innsbruck-Reichenau, Groß-Rosen, Sachsenhausen, Wöbbelin, Plaszow, Treblinka, Gusen, Riga-Kaiserwald, Mühldorf

Es geht darum Unaussprechliches in Worte zu fassen. Sich Unvorstellbares in Erinnerung zu rufen. Es geht darum das Vergessen zu bekämpfen und sich dem Schmerz des Gedenkens zu stellen. Es geht um eine niemals endende historische Verantwortung.

Sobibor, Dachau, Niederhagen/Wewelsburg, Majdanek, Lublin, Sered‘, Langenstein-Zwieberge, Mittelbau, Kaltenkirchen, Fort Breendonk, Ravensbrück, Belzec, Herzogenbusch-Vught, Maly Trostinez

Es geht um uns. Es geht um dich. Es geht um einen Teil von dir. Das Monster.

Auschwitz

Wanderung

Es war noch dunkel zu dieser Zeit. Früher Morgen. Er konnte kaum sehen, ob er sich noch auf dem richtigen Pfad befand oder er sich schon hoffnungslos verlaufen hatte. Aber das konnte einfach nicht sein. Zu oft hatte er diesen Weg auf sich genommen und noch immer war er an sein Ziel angekommen. Leichter Schneefall setzte wieder ein. Als hätte es in den letzten Tagen davon noch nicht genug gegeben. Ihm war, als würde die weißen Flocken auch noch den letzten Hauch von Geräuschen aus der Luft heraussagen, als würden sie eine Stille in der Stille erzeugen. Es war fast unheimlich, auch wenn ihm bewusst war, dass in dieser Gegend sowieso selten etwas zu hören war, zu verstreut waren die Höfe der Bauern. Das nächste Dorf war weit entfernt und die nächste größere Stadt war mehr Traum als Wirklichkeit. Er hatte das Gefühl schneller werden zu müssen. Die Kälte kroch durch jede Faser seines Mantels, seiner Handschuhe, seiner Mütze, seiner Stiefel. Sie legte sich auf sein Gesicht. Bloß vorankommen. Bald würde er da sein. Sehr bald. Hoffentlich.

Noch vor einem halben Jahr war es um diese Uhrzeit bereits so hell gewesen, dass er die Landschaft sehen konnte. Er war immer wieder ergriffen. Das flache Land. Die weiten Felder. Die raren Bäume waren durch die vielen Stürme gebogen. Manche erzählten, die Bäume hätten um das raue Wetter gewusst und wären schon immer so gewachsen. Klar zeichneten sich die Bauernhöfe auf der Ebene als Erhebungen ab. Dass dort Menschen lebten konnte man nur erahnen. Zu ruhig standen sie da. Er hatte nie etwas anderes gesehen und hätte sich auch nicht vorstellen können, dass es etwas anderes gibt. All das war ein Teil von ihm. Heimat.

Im Hier und Jetzt war es aber nur ein Produkt seiner Erinnerungen. Im Hier und Jetzt waren Schneetreiben und die Dunkelheit seine Begleiter. Das Licht sein Lampe zeigte ihm gerade so ein kurzes Stück des Weges. Seine Schritte knirschten auf dem frisch gefallenen Schnee. Irgendwann müsste er doch ankommen. Bald. Hoffentlich.

Er flüchtete sich in Gedanken. Da war eine Wohnstube. Kerzen erleuchteten den Raum. Das Feuer in dem Kachelofen war geschürt und erwärmte das Zimmer. Auf dem Tisch stand eine Kanne Tee und aus der Küche drang der herrliche Duft von Eintopf. Draußen rüttelte der Wind an den Fenstern, peitschte gegen das Haus an. Und doch bot das flackernde Licht an den Wänden, der knisternde Ofen, die Gerüche, dieses wohlige Gefühl Schutz gegen die Kräfte der Natur. Hier, an diesem Ort, konnte einem nichts und niemand etwas anhaben. Hier gehörten die Menschen her. Nach Hause.

Leicht aufkommender Wind riss ihn aus seinen Gedanken. Er hatte den Eindruck, es wäre noch kälter geworden, das Schneetreiben würde dichter werden. Er wusste nicht, wie weit der Weg noch war, wann er ankäme. Bloß weiter. Bald wäre da. Zuhause. Ein schöner Traum.

Die große Illusion

RL. Zwei simple Buchstaben, die auf Twitter das beschreiben sollen, was „da draußen“ außerhalb der heimeligen vier blauen Wände passiert. RL. Real life. Das echte Leben. Pausenlos stößt man dort auf diese Unterscheidung. Auch ich habe es schon gemacht. Twitter und das echte Leben. Als wenn es zwei getrennte Welten wären, die keinerlei Berührungspunkte hätten und nur nebeneinander herlaufen. Wir legen aber nicht nur wert auf diese Abgrenzung, sondern generieren uns als verschworene Gemeinde, die sich gegen den Stumpfsinn, die Absurditäten, die ganze Hässlichkeit des „Da draußen“ zur Wehr setzt. Wir wollen der Gegenpol sein, indem wir beobachten und den Finger auf die Wunde legen. Wir machen uns lustig, wir verachten, wir kommentieren. Das passiert im Kleinen wie im großen gesellschaftlichen Kontext. Auch wenn wir es gerne verleugnen würden, ist es ein „Wir gegen den Rest der Welt“. Wir trennen so penibel zwischen dem echten Leben und unserer kleinen, feinen gefilterten Welt, weil wir meinen wir seien besser als die Anderen.

Das aber ist eine Lüge. Das ist organisierter Selbstbetrug. Es gibt keine Trennwand zwischen Twitter und dem sogenannten echten Leben. Es gibt kein „Wir gegen alle Anderen“. Wir sind nicht besser als die Menschen, die sich nicht innerhalb unseres Kreises bewegen. Und wir sind erst recht keine verschworene Gemeinde. Wir sind genauso echtes Leben wie alles andere auch. Und vielleicht sind wir sogar noch schlimmer.

Es kann schon deswegen keine Trennung zwischen dem „echten Leben“ und der Welt des kleinen, blauen Vogels geben, weil hinter jedem Account – Oh Wunder! – ein echter Mensch sitzt. Ein echter Mensch mit eigenen Erlebnissen, echten Gefühlen. Jemand, der aus diesem „echten Leben“ kommt. Er teilt seine Eindrücke oder lässt sich von ihnen inspirieren. Es ist genau das, was Twitter ausmacht: Die Echtheit. Wir verlangen dort nach Authentizität, leben aber gleichzeitig eine Trennung, die genau das konterkariert. Wie absurd! Wir lügen uns selbst in die Tasche, wenn wir nicht anerkennen, dass das echte Leben Twitter bedingt und nicht umgekehrt.

Das Nebeneinander von Twitter und der restlichen Welt ist auch deshalb Unsinn, weil wir nicht besser sind als jene, die wir gerne anprangern. Wir kämpfen auch nicht gegen die, sondern bekämpfen viel mehr uns selbst. Wir sind genauso gehässig und genauso eklig zueinander wie es die Menschen im „echten Leben“ sind. Wir legen genauso eine „Ich verteidige das hier wie einen Erbhof“-Mentalität an den Tage und meinen dabei bloß unser kleines Accountreich, das wir behandeln als würden wir es mit barer Münze bezahlt bekommen. Wir geben Anderen ungefragt Regeln und erwarten, dass sie sie zu befolgen haben. Wir zermürben uns in widersinnigen Kleinkriegen und verspielen so das Recht uns über irgendjemanden zu erheben. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele von entstandenen Freundschaften oder erfolgreichen Liebesbeziehungen. Das will ich überhaupt nicht kleinreden. Man kann auf Twitter mit Menschen gute Erfahrungen machen. Aber in letzter Zeit überwiegt das Bild eines gigantischen Abgrunds, den wir noch tiefer graben, indem wir uns hinter unserer Anonymität verschanzen, um aus der Deckung noch härter, noch zielgenauer zu treffen. Viele scheint es nicht zu interessieren, was sie bei den getroffenen Menschen auslösen könnten. Wir sollten vielleicht mal von unserem hohen Ross absteigen, innehalten und uns fragen, ob das, was wir dort anrichten, noch richtig ist.

Twitter. Das echte Leben. Als lebten wir dort ein falsches. Eine große Illusion.

 

Die Verantwortung über Vergangenheit und wir

Ich weiß nicht, wann ich das erste Mal Kenntnis vom Zweiten Weltkrieg nahm, von den schrecklichen Gräueln dieser Katastrophe, vom systematischen Völkermord der Nationalsozialisten. Ich weiß auch nicht, wo ich das erste Mal davon Kenntnis nahm. Ob es nun in der Schule war, ob durch einen Film oder durch meine Eltern. Ich kann es nicht genau sagen. Es wirkt schon fast so, als wären die Informationen über die Jahre 1939 bis 1945 schon immer in meinem Kopf gewesen. Die Westerplatte habe ich aber erst sehr spät wahrgenommen. Eine Danzig vorgelagerte Halbinsel. Der Beschuss des dort befindlichen polnischen Munitionslager durch die Deutschen in den frühen Morgenstunden des 1. September 1939 markierte den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Sie ist dieser Tage das Symbol des allgegenwärtigen Gedenkens an diese Ereignisse. 75 Jahre ist das nun her.

Viele, vor allem Angehörige meiner Generation, so scheint es, sind dieses Gedenkens aber überdrüssig geworden. Sie wollen davon nichts mehr wissen. Der Krieg, so die Meinung, sei schon viel lange her, sie hätten nicht daran teilgenommen. Oftmals haben diese Leute auch den Eindruck, ihnen wird durch dieses Gedenken indirekt oder explizit immer noch die Schuld an den Verbrechen gegeben, denen sich die Generation ihrer Großeltern aktiv oder passiv schuldig oder mitschuldig gemacht hat. So las ich neulich, dass man dieses „Duckmäusertum“ satt habe. Man habe hierfür keine Verantwortung mehr.

So etwas ist traurig, es ist beschämend. Traurig, weil in dieser Haltung eine unfassbare Respektlosigkeit und Ignoranz gegenüber den Opfern und den ihnen nachfolgenden Generationen mitschwingt. Diese Menschen haben unfassbares Leid erfahren müssen. Leid, das ihnen durch andere Menschen aus Erbarmungslosigkeit und Hass angetan wurde. Leid, das so schrecklich war, dass nur wenige darüber sprechen konnten und damit ein Schweigen erschufen, das ganze Familien lähmte, ob der Unsicherheit ihrer Vergangenheit. Niemand kann den Opfern ihr Leiden abnehmen. Auch wir nicht.  Aber wir, als Nachfolgegeneration der Täter, Mitschuldigen und Mitläufer haben die Pflicht diese Menschen wenigstens nicht zu vergessen. Und sind sie auch schon tot, so ist gerade das Vergessen das Schlimmste, was den Opfern jetzt passieren kann. Es geht hier nicht mehr um Schuld, wir tragen keine mehr. Es geht um unsere Verantwortung gegenüber den Menschen. Diese Last haben uns unsere Vorväter- und mütter auferlegt. Ohne Frage wird das Gedenken an die Opfer mit zunehmenden Abstand zum Krieg anders und distanzierter werden.  Aber wir dürfen es nicht verschwinden lassen. Das ist unser Erbe.

Die Haltung ist außerdem beschämend, weil sie keine Verantwortung gegenüber unserer Geschichte und damit auch keine Verantwortung gegenüber uns selbst zeigt. Unsere Geschichte ist der Weg, auf dem wir gekommen sind. Unsere Geschichte hat die Gesellschaft, in der wir leben, und damit auch uns erschaffen. Viele sind offensichtlich zu satt geworden in einer Welt allgegenwärtiger Sicherheit und Prosperität, in einer Gesellschaft, in dem es kaum noch jemandem wirklich schlecht gehen muss. Viele sind zu satt geworden in einer Welt maximaler Freiheit. Dass dies mal anders war, wissen sie nicht mehr. Sie begreifen einen Zustand, der auf diesem Kontinent nahezu einmalig ist, als Selbstverständlichkeit. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wir haben einfach nur Glück, das Glück der späten Geburt. Dass wir so werden konnten , wie wir jetzt sind, verdanken wir auch dem jähen Untergang des Tausendjährigen Reiches und den Lehren, die man daraus zog. Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust ist deswegen nicht nur ein Gedenken um des Gedenkens willen, es geht vielmehr darum zu verstehen, woher wir kommen und wer wir sind. Es geht auch um uns. Die Geschichte selbst hat uns diese Verantwortung auferlegt. Landläufig wird gesagt, so etwas dürfe sich nicht wiederholen. Das ist allenfalls teilweise richtig. Die geringen Wahlergebnisse und Kurzlebigkeit rechter Parteien und Bündnisse können nur den Schluss zulassen, dass eine Wiederholung der Schrecken des Dritten Reiches in sehr weiter Ferne liegt. Es muss vielmehr darum gehen, dass die Reste des Gedankengutes, das die Entwicklung einer liberalen und friedlichen Gesellschaft verhindert, endgültig getilgt wird. Eben das ist die Verantwortung aus unserer Geschichte heraus. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wir haben die Pflicht sie anzunehmen. Diese Geschichte ist ein Teil von uns und wird es immer sein. Ob wir das nun wollen oder nicht.

Niemand sagt, dass das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und den Das Dritte Reich einfach ist. Niemand sagt, dass all das eine angenehme Aufgabe ist. Es schmerzt. Es muss schmerzen. Wir können uns aber nicht einfach so von ihr lösen. Es hieße, sich von uns zu lösen. All das ist nun 75 Jahre her, ein Menschenleben. Immer noch viel zu nah, um sich dem entsagen zu können.

„Eine Welt voller oberflächlicher Scheiße“

Sehr geehrter Herr Soost,

Sie wissen vielleicht, was man so macht, wenn man gelangweilt vor seinem Laptop sitzt. Man fängt an ein wenig im Internet zu surfen. Genau das tat ich vor einigen Tagen. Meine Langeweile führte mich auch auf die Seite einer großen deutschen Boulevardzeitung. Dort sah ich, zwischen Promisternchen und der boulevardistischen Panikmache folgende Anzeige, auf der Sie abgebildet waren.

Soost

Wenn ich bei diesem Anblick nicht so entsetzt gewesen wäre, hätte ich meinen ganzen Ekel am liebsten herausgekotzt. 

Zunächst sei die Frage erlaubt: Seit wann kann man zu dick für den Strand sein? Was ist denn zu dick für den Strand? Wahrscheinlich können Sie derartige Fragen selbst nicht so richtig beantworten. Es gibt nämlich kein „zu dick für den Strand“. Es gibt überhaupt kein „zu dick“ für irgendetwas. Man kann vielleicht allenfalls aus gesundheitlichen Gründen zu dick sein. Das war es dann aber auch schon.

Es ist aber nicht nur diese Frage, die mich stört, sondern vor allem die damit verbundene Botschaft. Dicke Menschen haben am Strand nichts verloren. Nur gestählte, schlanke Menschen, für die sie beispielhaft in dieser Anzeige auftreten, dürfen sich dort aufhalten.

Ich finde das nicht nur dumm, sondern, absurd oberflächlich und hochgradig ekelerregend. Sie grenzen, ohne mit der Wimper zu zucken, Menschen aus. Sie schaffen ein standardisiertes Menschenbild: „Nur so sollen Menschen aussehen, wenn sie vor die Tür gehen. Der Rest bleibt lieber Zuhause.“ Menschen wie Sie sind dafür verantwortlich, dass anderen Menschen eingeredet wird, sie hätten ein Problem mit sich und ihrem Körper. Menschen wie Sie haben Schuld, wenn andere Menschen so wenig Achtung vor sich selbst haben. Menschen wie Sie machen andere Menschen krank. Ich kenne Menschen, die ich persönlich schön und attraktiv finde und die viele andere auch als schön und attraktiv bezeichnen würden, die aber wegen des von Ihnen und ihresgleichen propagierten Gesellschaftsbildes glauben Sie müssten mehr an sich arbeiten, schlanker werden, damit Sie sich auch mal draußen im Strandoutfit zeigen können. Das ist einfach nur schlimm.

Wahrscheinlich würden Sie jetzt argumentieren, Ihnen ginge es nur darum, dass sie anderen Menschen durch ein „besseres Aussehen“ oder einen „schöneren Körper“ zu einem besseren Selbstwertgefühl verhelfen wollen. Was schön ist, bestimmen aber nicht Sie. Schönheit ist keine festgelegte Norm, die man mittels eines Maßbandes erfassen kann. Ich möchte jetzt keine detaillierte Exkursion zum Frauenbild in der Kunst machen, aber es sei die einfache Frage erlaubt, ob Sie die weiblichen Darstellungen eines Peter Paul Rubens in Museen abhängen würden, weil die Frauen darauf „zu dick“ sind? Schönheit liegt, wie der Volksmund so schön sagt, im Auge des Betrachters. Es steht Ihnen schlichtweg nicht zu einen Standard dafür festzulegen, was schön ist und was nicht, was schlank ist und was nicht und wer das Recht hat an den Strand zu gehen und wer nicht. Jemand, der so etwas tut, ist schädlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. 

Auch würden Sie wohl einwenden, Sie machten ja nur Werbung für ein Produkt, das Menschen helfen soll abzunehmen. Gerade aber mit dieser Anzeige machen Sie sich zum Komplizen dieser Gesellschaftsfeinde. Sie stehen für eine Welt, in der ich nicht leben will. Eine Welt voller oberflächlicher Scheiße.

Wahrheit und Gerechtigkeit. Eine Annäherung

Als die @werdenundsein vor ein paar Monaten auf Twitter die Frage stellt, ob nur das gerecht sein könne, was auch wahr sei, hatte ich das sofort verneint. Wahrheit sei nun mal eine objektive Größe und Gerechtigkeit rein subjektiv zu betrachten. Die Frage rückte schnell wieder in den Hintergrund. Es waren andere Dinge zu tun. Und trotzdem gärte sie weiterhin in mir. Ist das wirklich so? Eine Betrachtung.

Am Anfang dieser Überlegung stehen zwei einfache Fragen. Was ist Wahrheit? Was ist Gerechtigkeit?

Am Anfang der Wahrheit steht zunächst die Wahrnehmung durch die Sinne. Auf diese Art und Weise tritt man mit der Welt in Kontakt. Aber ist auch das, was man wahrnimmt geich wahr? Nein! Es ist allenfalls real. Eine Wahrheit kann nur dann entstehen, wenn die wahrgenommene Welt durch Wissen in Beziehung gesetzt werden kann, um so zur Erkenntnis zu gelangen. Wir nehmen zum Beispiel einen Stuhl wahr, können die Wahrheit, dieses sein nun ein Stuhl, nur deswegen erkennen, weil wir diesen Begriff gelernt haben. Ist die Wahrheit damit nun eine objektiv messbare Größe? Kehrt man das Beispiel mit dem Stuhl nun um, so gerät diese Theorie ins Wanken. Hat jemand von Beginn an gelernt, ein Stuhl sein ein Tisch und noch nie etwas anderes gehört, so wird er, zeigte man ihm einen Stuhl und bezeichnet diesen als solchen, meinen dies entspräche nicht der Wahrheit. Er teilt unsere Wahrnehmung, zieht aber aus dieser Wahrnehmung aufgrund seines abweichenden Wissens eine andere Erkenntnis. Natürlich ist dieses Beispiel reichlich plakativ. Es zeigt aber, dass Wahrheit, die so eng mit der Wahrnehmung der Welt verknüpft ist, an der Subjektivität zu messen ist. Warum aber haben wir und jeder andere auch den Eindruck, es handele sich um die objektive Wahrheit, ein Stuhl sei ein Stuhl und eben kein Tisch. Der Grund dafür ist, dass es allgemein anerkennt ist, einen Stuhl als solchen zu bezeichnen und nicht anders. Die Subjektivität der Wahrheit wird durch kollektiven Beschluss verobjektiviert. Man könnte also von einer Art kollektiven Objektivität, einer Objektivität, die allein durch die Addition der subjektiven Erkenntnisse zu einer solchen werden kann, sprechen. Es kann aber niemals eine echte Objektivität, so wie wir zu verstehen meinen, geben.

Kommen wir nun zur zweiten Frage: Was ist Gerechtigkeit? Gerechtigkeit ist der Ausgeich zweier gegenläufiger Interessen. Vereinfacht heißt das, das man etwas bekommt oder getan hat und jemand anderes möchte im Gegenzug dafür selbst etwas bekommen oder dass ich etwas bekomme, zum Beispiel eine Strafe. Diese Interessen konkurrieren aber miteinander. Hat jemand, so könnte man als Beispiel anführen, etwas gestohlen, möchte der Bestohlene, dass ich bestraft werde. Gehen wir von einem Gewaltmonopol des Staates aus, so wird das Interesse des Bestohlenen vom Staat geteilt. Der Dieb hat aber eigene Interessen. Zum Beispiel das Interesse an seiner Freiheit, sofern es zu einer Gefängnisstrafe kommen sollte oder er sieht sich wohlmöglich in seinem Handeln aus bestimmten Grund gerechtfertigt. Diese Interessen sind nun im Sinne einer gerechten Abwägung zusammenzuführen. Gerechtigkeit ist damit aber nicht nur dieser Abwägungsprozess, sondern eine der grundlegenden Regeln für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Gerechtigkeit soll  auf allen Ebenen des Rechts stattfinden. Verbrecher sollen gerecht bestraft werden, ein Arbeiter soll für seine Mühen eine gerechten Lohn erhalten und ein Verkäufer soll für sein Produkt einen gerechten Kaufpreis bekommen. Eine Gesellschaft, die sich auf Dauer in einem ungerechten Zustand befindet, wird ihrer Existenzgrundlage entzogen. Es besteht aber das Problem, dass Gerechtigkeit nur schwer greifbar ist und einem sehr subjektiven Urteil unterliegt. Was der eine als gerecht empfindet, ist für den anderen eine schwere Ungerechtigkeit.

Dies führt zu der vorangegangen Überlegung zum Zusammenhang zwischen Wahrheit und Gerechtigkeit. Kann also nur das gerecht sein, was auch wahr ist? Nehmen wir das Beispiel des Diebes, so glaubte, er hätte das gestohlene Gut nehmen dürfen. Er hält dieses für wahr. Mangels Beweis dessen, wird er aber verurteilt, seine Freiheit wird ihm entzogen. Er empfindet dies als ungerecht, während auf der anderen Seite der Staat diese Strafe als gerecht empfindet. Insofern besteht ohne Zweifel ein direkter Zusammenhang zwischen Wahrheit und Gerechtigkeit. Zwei Arten von Subjektivität bilden quasi Pärchen.

Wie aber können Gesellschaften trotz solcher tagtäglich vorkommender Ungerechtigkeiten auf Dauer bestehen? Wie kann diese Diskrepanz zwischen zwei Wahrheiten und der Ungerechtigkeit auf der einen und der Gerechtigkeit auf der anderen Seite aufgelöst werden. Die Rechtsordnung, die sich eine Gesellschaft gibt, hat dafür den Anspruch einen kollektiven Beschluss über die Wahrheit und Gerechtigkeit herbeizuführen, ohne alle Mitglieder der Gesellschaft einzeln zu befragen. Durch Beweise sollen Einzelinteressen legitimiert werden. Fehlt es an einem Beweis, so fehlt es dem Einzelinteresse auch an Legitimation. Kann das Einzelinteresse aber bewiesen werden, will die Rechtsordnung diese subjektive Wahrnehmung und die daraus resultierende subjektive Erkenntnis, verobjektivieren. Gleiches gilt für die Gerechtigkeit. Die Rechtsordnung hat den Anspruch das subjektive Gerechtigkeitsempfinden der Gesellschaft insgesamt abzubilden. Sie führt im Einzelnen, so zum Beispiel durch ein Gerichtsurteil, einen Beschluss über den gerechten Ausgleich der Einzelinteressen herbei, hinter dem das Kollektiv stehen soll. Die Rechtsordnung ist dafür durch die Gesellschaft legitimiert. Eine Rechtsordnung, die nicht durch die Gesellschaft legitimiert ist, sondern nur den Interessen von wenigen dient, wie man sie oft in absolutistischen Staaten findet, führt gerade keine kollektiven Beschlüsse herbei. Diese Gesellschaften können gar nicht gerecht sein und folglich auch nicht bestehen. Gerechtigkeit kann aber im Kollektiv, wie sie hier gemeint ist, aber durch historische Erfahrungen und eine daraus resultierende Sozialisation variieren. So kann das, was in der einen Gesellschaft als ungerecht empfunden wird, in einer andere Gesellschaft schon wieder als gerecht empfunden werden. Zwar kann es auch Leitlinien geben, die mehrere Gesellschaften gleichsam überziehen, die Achtung des Lebens durch die Missachtung des Tötungsaktes sei genannt, aber daraus können andere Schlüsse für die Gerechtigkeit gezogen werden.

Kann also nur das gerecht sein, was wahr ist? Was den Einzelnen betrifft, ist dies zutreffend. Im gesamtgesellschaftlichen Kontext, will die Rechtsordnung den Einzelnen übergehen, sie muss dies sogar. Somit kann das, was auf der Ebene des Einzelnen wahr ist, auf der Ebene des Kollektivs aber sehr wohl gerecht sein. Nur auf gleicher Ebene kann das gerecht sein, was auch wahr ist.

Ende

„Zunächst kann ich Ihnen sagen, dass Sie alle bestanden haben.“

Das war nun dieser Moment, auf den man so lange gewartet hatte. Das Ende. Ein knapper Satz des Vorsitzenden der Prüfungskommission. Kein Spektakel. Nur zehn Worte. Zwar folgten darauf noch die Bekanntgabe der Noten, die Einschätzung der zurückliegenden Stunden und die Glückwünsche der drei Prüfer, aber dass hier etwas endete, dass für einen nicht geringen Abschnitt meines Lebens Teil von mir war, mich geprägt und mich verändert hatte, konnte durch nichts und niemanden geändert werden.

Was war nun das, was da hinter mir lag? Natürlich meine Ausbildung. Das würde man wohl zunächst ganz nüchtern feststellen. Etwas zu dem ich erst über Umwege gelangt war. Etwas das ich auch erst über Umwege zu Ende führen konnte. Etwas das ich nichtsdestotrotz gerne studierte, an dem ich auch hin und wieder Spaß hatte, mich aber auch viel Schweiß und Tränen gekostet hatte. Etwas das mich, in welcher Form auch immer, für den erst meines Lebens begleiten wird.

Was aber ist eine Ausbildung? Ist es nur die Erlangung der Befähigung später einen Beruf ergreifen zu können? Wenn man es genau betrachtet, ist es vielmehr die Ausbildung einer Persönlichkeit. Man wird ein anderer Mensch. Schleichend und für einen selbst kaum bemerkbar. Ich bin auf keinen Fall der, der ich noch war als ich vor einigen Jahren das erste Mal den Hörsaal betrat. Und schon gar nicht der, der vor noch längerer Zeit in der Schulaula sein Abiturzeugnis entgegennahm. Aber wer bin ich denn jetzt, wo alles zu Ende ist? Vielleicht bin ich ein wenig gelassener, nicht mehr so getrieben. Vielleicht bin ich ein wenig interessierter, habe einen differenzierteren Blick auf die Welt. Vielleicht bin ich eigenständiger geworden, habe gelernt, dass ich selbst zurecht kommen muss, wenngleich ich immer auf meine Familie und meine Freunde zählen konnte und zählen kann. Vielleicht bin ich einfach nur ein wenig erwachsener geworden. Aber ich weiß es eben auch nicht genau. Wer weiß schon genau, wer er war und wer er ist? Die wenigsten. Es bleibt allenfalls im Ungefähren.

War es nun das, was ich mir erhofft hatte? Wenn ich nur das Studium betrachte, kann ich das klar bejahen. Natürlich hätte man hier und dort erfolgreicher sein können, hätte hier und dort schneller vorankommen können. Aber am Ende ist es so wie es ist. Und damit sollte man auch nicht unzufrieden sein. Wenn ich mich selbst betrachte, dann weiß ich es nicht. Seine eigene Entwicklung voraussehen kann wohl niemand. Es passieren zu viele Dinge, mit denen man nicht rechnen konnte. Es begegnen einem zu viele Menschen, an die man nicht im Traum denken konnte. Und es verlassen einen zu viele Menschen, die man zunächst für unabdingbar hielt. Und vielleicht sind es eben genau diese Unabwägbarkeiten, die einen beschrittenen Weg so spannend machen.

Und was liegt nun vor mir? Es fällt einem diese typische Frage „Wo sehen Sie sich selbst in fünf Jahren?“ ein. Eigentlich ist diese Frage so albern wie falsch. Wer kann von einem Menschen schon ernsthaft verlangen für sich einen Weg vorauszusehen? Natürlich werde ich jetzt, bedingt durch mein Studium, für die folgenden Jahre wieder in einer Art Ausbildungsstruktur sein. Was danach kommt, weiß ich einfach noch nicht. Ich bin mir sicher, dass ich über etwas stolpern werde, das mich am Ende auch bereichern wird. Und was wird mit mir abseits dessen? Es sind zu viele „Vielleichts“, die in meinem Kopf herumspuken. Man kann diese Unsicherheit beklagen. Man kann sich aber auch dessen erfreuen und es als Chance begreifen. Das ist alles zu groß und zu weit, das man sich auf einen vorgefertigten Weg beschränken sollte.

Und vielleicht werde ich am Ende eines dieser Wege dann mit Stolz zurückblicken und sagen, dass ich die Menschwerdung erfolgreich bestanden habe.